SUICIDEGIRLS BLACKHEART BURLESQUE, Freitag, 02.12.2016- LKA Stuttgart

Meiner Meinung nach wird das Wort Burlesque inzwischen etwas überstrapaziert.

Wikiepedia gibt zur Kunstform Burlesque folgende Definition:

„…Burlesque nannte sich eine Gattung des US-amerikanischen Unterhaltungstheaters hauptsächlich im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, die dem American Vaudeville nahestand, aber als zentrale Attraktion den Striptease präsentierte….

Die Künstlerinnen entkleideten sich nicht vollständig, sondern entledigten sich nur gewisser Kleidungsstücke. Das Ausziehen von Handschuhen konnte dabei zur erotischen Attraktion werden. Als der Striptease nach 1930 zum wirklichen Ausziehen wurde, löste sich die Verbindung von Moderation, Tanz, Gesang und angedeutetem Striptease auf….“

Weiter findet man dazu:

„…Abgrenzung zum Striptease…

…Die Abgrenzung zwischen den verwandten erotischen Tanzarten Striptease und New Burlesque wird landläufig vor allem durch den Grad des Ausziehens bestimmt. Eine Burlesquetänzerin entkleidet sich üblicherweise nicht komplett während einer Show. Die eigentliche Unterscheidung erfolgt jedoch durch die Ausrichtung und die Zielsetzung der Vorführung. Während die Burlesque eher amüsieren, unterhalten und nur bedingt sexuell animieren will, zielt der Striptease sehr viel deutlicher auf eine sexuelle Stimulation und bindet weitaus weniger Elemente des Kabarett oder Varietés in die Aufführung ein….“

Wer bei den Suizide Girls aber auf Glitzer und Glamour hofft, wird enttäuscht.

Wer bei den Suicide Girls auf aufwendige und neckische Kostüme hofft, wird enttäuscht.

Wer bei den Suicide Girls auf kreative Arten des Ausziehens hofft, wird enttäuscht.

Wer bei den Suicide Girls das klassische Rotieren von Nippelquasten sehen möchte, wird enttäuscht.

Das alles gibt es bei den Suicide Girls leider nicht. Vielmehr ist es ein halbnacktes Tanzen auf aktuelle Musikstücke. Die Tänzerinnen kommen so gut wie immer gleich bekleidet auf die Bühne – kurzes Röckchen, kleines Höschen, Top oder T-Shirt, die Nippel abgeklebt, oder gleich so gut wie ausgezogen.

Das Ausziehen passiert immer zügig, immer ähnlich – zuerst vorne überbeugen und das Popöchen präsentiert, dann Shirt über den Kopf. Mit der Kunst des Ausziehens hat das nicht mehr viel zu tun- das burlesque Tease-me-please-me fehlte gänzlich.

Man könnte jetzt hier mit den Oben-ohne-Revues à la Moulin Rouge kontern, aber dafür sind die Tanzeinlagen nicht aufregend und nicht synchron genug.

Das merkt man auch ein bisschen an der Stimmung. Die Halle gebrodelte nicht gerade. Der Applaus wirkt eher nett gemeint, aber nicht begeistert. Positiv überrascht war ich von den Herren im Publikum, die zwar laut, aber nicht zottig waren. Der einzige unangebrachte Kommentar kam von einer Frau neben mir, die mit Blick auf die ziemlich kleine Oberweite einer Tänzerin meinte, “da könnte Sie auch ihre kleine Schwester hinstellen“.

Neben Oben-Ohne Tanzeinlagen mit angedeuteter girl-on-girl-Aktion und weiteren Männerphantasie, wurde auch gesungen. Ein als Ariel die Meerjungfrau verkleidetes Suicide Girl besang ihren Wunsch nach Beinen, um endlich einen Kerl zwischen Selbigen zu haben und versenkte dabei gleich auch mal ein, zwei Töne. Der danach besungen Dreier zwischen Hermine, Harry Potter und Ron Weasley bot auch nicht unbedingt unvergessliche Momente, hakte aber wohl den Punkt“ Dirty Talk“ ab.

Moderiert wurde das Ganze von Missy Suicide, die recht laut und grobschlächtig durch die Show führte. Das Mitmachprogramm war auch eher ein Stimmungskiller, vielleicht auch einfach Füllmaterial für die Show. Ein Paar, welches  einen Lapdancekurs erhielt, ein Mann – auf Wunsch einer mit hohem Bildungsgrad – der durch erotische Umtanzung vom Lesen eines Textes abgelenkt wurde und drei Damen, die eine Art Vortanzen als Bewerbung für die Suicide Girls hinlegen sollten. Interessanterweise erhielten die Herren als Preis für das Mitmachen immer eine der viel beworbenen Jahresmitgliedschaften bei den Suicide Girls (dort sieht man wohl eine Menge nackter Mädels) , die drei Mädel aber lediglich ein T-Shirt nach Wahl- ganz klare Zielgruppeneinteilung.

Die fast 2-stündige Show endet mit einem Stagedive zweier Suicide Girls, eine der Damen wurde gleich wieder Richtung Bühnen transportiert, die andere schaffte eine große Runde, zuerst auf dem Bauch, dann auf dem Rücken. Für diese Jungs im Publikum hat sich der Besuch gelohnt.

Nachdem das Bühnenlicht erloschen war und die mitgebrachte Suicide-D-Jane wieder ihr Programm aufnahm, leerte sich das LKA auch relativ schnell. Die Zugaberufe, die unerhört blieben, starteten eigentlich erst, nachdem gut die Hälfte der Halle schon am Gehen war.

Anstatt #blackheartburlesque wohl eher ein schwarzer Tag für Burlesque.

 

 

 

 

John Allen-Gartenparty-die etwas andere Art zu touren- 06.08.2016, bei Stuttgart

13902717_10207105766058535_4546885726573762739_nDer deutscher Sänger, Songwriter, Pianist und Gitarrist  (und ehemaliger Lehrer)  John Allen tourt gerade durch Deutschland. Dabei hat er eine besondere Art für sich entdeckt, seine Auftrittsorte zu bestimmen. Via Facebook kündigte er die Tourneeroute für seine, wie er es nennt,  House-Shows an und Fans konnten sich als Gastgeber bewerben.  Für Kost und Logis spielt der Musiker mit seiner Vorgruppe Sincerly K., einer jungen Singer/Songwriterin, in Wohnzimmern, Gärten, Vereinsheimen…..

Die Idee geht auf. Bei herrlichem  frühabendlichen Sonnenschein erklingen die ersten Töne in einem gemütlich hergerichteten  Garten in der Nähe von Stuttgart. Ca. 30  von den Gastgebern eingeladene Gäste lauschen den textlich anspruchsvollen Songs der Kölner Singer/Songwriterin Sincerly K. Fast schon schüchtern, mit geschlossenen Augen sitzt sie am Keyboard und erzählt  musikalische Geschichten aus dem Leben.  Da sie, wie sie selber sagt, eine langsame Songschreiberin ist, steuert sie noch ein Cover von Bruce Springsteen bei. Gebannt lauschen die Gäste, nur im Hintergrund bellen die Hunde und ein Telefon im Nachbarhaus klingelt.

Dann übernimmt John Allen.

Man merkt, dass er es gewohnt ist, vor Leuten zu stehen und zu sprechen. Er fragt, ob er nur spielen, oder auch etwas zu den Songs erzählen soll. Das Publikum nickt und möchte die Geschichten hören und so erfahren wir unter anderem von XXX die im Song Alex heißt und in die John Allen verknallt war, bis zur gemeinsamen Reise nach Paris. Witzigerweise versingt sich hier John Allen einmal und nennt die enttäuschende Liebe beim richtigen Namen und die ganze Tarnung ist im Grunde hinüber.

Wirkt er beim ersten Song am Klavier noch ein bisschen wie der junge Billy Joel, klingt er mit Gitarre rauchiger und rockiger. Sein Studium der Englischen Literatur spürt man in seinen Songs.

Der Abend verläuft heiter, trotz der von John Allen angekündigten Stimmungskurve nach unten aufgrund der traurigen/nachdenklichen Songs, die er spielen wird. Er erzählt von seiner ersten Band The Gents, benannt nach ihrem Proberaum, einer umgebauten Herrentoilette und von seinem Konzert in der Justizvollzugsanstalt.

Im Anschluss besteht die Gelegenheit mit beiden Künstlern zu plaudern. Für die Gäste ist dies sicherlich spannender wie für die Musiker. Mit Fragen zum musikalischen Werdegang, der Versuch den bürgerlichen Namen von John Allen herauszufinden, dem Blick in den Verkaufskoffer und einer kleinen Spende für den berühmt berüchtigten Hut endet der Abend.

John Allen ist am 4. Dezember 2016 wieder zu Gast in Stuttgart, diesmal im Club 1210. Der Termin ist bereits im Kalender vermerkt und ich bin gespannt, ob er wirklich, wie im Gespräch erwähnt, mit Band vielseitiger und rockiger ist.

Links zu Sincerly K und John Allen:

 

http://john-allen.de

 

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Piaf, Schauspiel mit Musik von Pam Gems, Altes Schauspielhaus, Stuttgart, 11.05.2016

ALTES SCHAUSPIELHAUS, Piaf, Schauspiel mit Musik von Pam Gems

Das Schauspiel um und mit Musik von Edith Piaf fängt sehr dramatisch an. Eine sichtlich verwirrte und geschwächte Edith Piaf betritt die Bühne und kollabiert. Doch wie konnte es soweit kommen? Die nächsten zwei Stunden schildern den Weg der jungen Straßensängern von der Gosse auf die großen Bühnen der Welt.

Die junge Édith Giovanna Gassion, später erhält sie, aufgrund Ihrer Körpergröße von nur 1,47 m den Künstlernamen Piaf- der Spatz- ist wenig damenhaft, eher burschikos und wird das Milieu, in dem sie aufwuchs, nie leugnen können.

Aufgewachsen in der Gosse und umgeben von Prostituierten und Gewalt, erkennt sie aber doch die große Chance, die Ihr der Clubbesitzer Louise Leplee bietet.

Das Leben meint es nicht gut mit der Piaf. Der Zweite Weltkrieg, Selbstzweifel, das Auf und Ab ihrer Karriere, Unfälle, Drogen und Krankheit aber vor allem die ewige Suche nach Liebe und die zahlreichen Männer, die Edith Piaf oft, kurz und heftig liebte und dann entweder verstieß oder auf tragische Weise verlor, setzten der kleinen Frau mit der großen Stimme zeitlebens zu.

Edith Piaf, fabelhaft gespielt und vor allem gesungen von Vasiliki Roussi, wird in diesem Stück nicht gerade sympathisch oder als Grand Dame dargestellt, aber auch, wenn sie ihr Leben lang eine ungehobelte, derbe, kaltschnäuzige Person blieb, bricht sie uns mit ihren Liedern immer wieder das Herz. Die kleine, große Chan­son­net­te sehnt sich nach der Liebe und bleibt stets voller Sehnsucht.

Das Stück wird hauptsächlich getragen von den Musikstücken. Französischkenntnisse sind hier zwar von Vorteil, aber dank der großartigen Gesangs- und Schauspielleistung von Vasiliki Roussi kann auch jeder, der der französischen Sprache nicht mächtig ist, die Gefühlslage erfassen.

Der biografische Teil ist eher flach und zurückhaltend inszeniert. Mit wenigen Requisiten und kurzen Szenen wird knapp umrissen, wie es gerade um Piaf steht. Leider gibt es oft nur kleine Hinweise, in welchem Jahr man sich konkret befindet. Anhand vom „Zustand“ der Piaf erkennt man den Verlauf der Zeit. Ebenso flach und knapp angelegt sind die Rollen der vielen Liebhaber der Piaf. Sie sind eher Hülsen als Persönlichkeiten. Wahrscheinlich um ihre, trotz aller Sehnsucht nach Liebe, untergeordnete Rolle im kompromisslosen Leben der Sängerin zu verdeutlichen. Wirkliche Tiefe entwickeln nur die Figuren der Toine, Prostituierte und Freundin von Edith Piaf, und natürlich Piaf selber.

Wer selber einen Abend mit Chanson und Tragik erleben möchte, hat dazu noch bis zum 4. Juni 2016 Zeit. Die knappen 32 € für die teuerste Karte sind gut angelegt, auch wenn man kein besonderer Fan der Piaf ist. Die krasse Lebensgeschichte der französischen Sängerin und ihre Lieder voller Emotionen berühren einen auf jeden Fall.

 

*geschrieben für livekritik.de

 

Rockabilly- Variete Stuttgart, 29.04.2016

OH YEAH! Oder oh je?

Das Varieté Stuttgart – jetzt neben dem Theaterhaus auf dem Pragsattel zu finden – zeigt noch bis zum 19.06.2016 sein neues Programm Rockabilly.

Zuerst waren wir etwas verwundert, dass keine Rockabillys im Publikum waren, doch bald wurde uns klar warum. Früher war einfach mehr Rockabilly, denn sicherlich war der eine oder die andere Person (etwas gehoberen Alters) im Publikum früher einmal selbst ein Halbstarker oder dem Rock `n` Roll-Fieber erlegen.

Im Großen und Ganzen war es eine ganz gute Show, mit etwas flachen Witzen aber hervorragender Akrobatik. Ganz im Sinne der 50iger Jahre wurde mit Hula Hoops (dem Spielzeug Ende der 50iger Jahre) jongliert und auch die Jonglage mit Bällen, die Sprungseil- , Luftring- und Einraddarbietungen waren sehenswert.

Rund um die Akrobatik führten zwei Moderatoren durch die Show. Willi Widder Nix im Stile von einem schüchternen Jerry Lewis und Max Nix als Lebemann mit großem Ego und schrillen Jacketts, der gerne auch mit dem Publikum in Kontakt tritt. Also Vorsicht in der ersten Reihe!

Leider zündete an diesem Abend die Stimmung im Publikum nur punktuell. Da halfen auch die auf der Bühne hochgehalten Publikum-Animations-Mitmach-Schilder und die Aneinanderreihung von klassischem Klamauk nichts.  Wir dachten bei „Oh Yeah“ doch oft eher „oh je“.

Vielleicht hatten wir einfach mehr vom Thema erwartet?

Ich hätte mir mehr 50iger Jahre Coolness, mehr Halbstarkengehabe, mehr Petticoat und Collegejacken gewünscht. Oder dass die Akteure im Hintergrund auch mal ein paar echte Rock n Roll Tanzschritte oder einen echten Twist gezeigt hätten. Vielleicht könnte man so etwas mit die in die Akrobatik einbauen? Mir fehlte etwas der Bezug zum Motto.

Natürlich gab es auch ein paar Sachen, die mir gut gefallen haben, an Vielfallt fehlte es nicht. Rock around the Clock auf Alphörnern, eine singende Säge, eine „Zaubershow“, „Messerwerfen“ unter Einsatz des Lebens eines Gastes und das ganz großes Finale. Ich sag nur der Star der 1950iger Jahre betrat die Bühne und zeigte seinen unverkennbaren Hüftschwung. (Stimmlich super, Look authentisch, aber ich musste dabei irgendwie an Corporal Klinger von der TV-Serie Mash denken. Was nicht negativ gemeint ist! Sehr niedlich 🙂

Die Preise für die 2 ½ stündigen Show mit 9 Akteuren liegen zwischen 33 – 48 € je nach Tag und Platzierung, mittwochs gibt es einen „Blauen Mittwoch“ mit 29 € Einheitspreis.

Wer nette Unterhaltung  à la Vorabendprogramm mag, sich gerne vor der Show noch ein gutes Essen gönnt, wer mal wieder ein paar Hits der 50iger Jahre hören möchte, wer auf Klamauk und gute Akrobatik steht oder wer aus Tennesse-wo-auch-immer herkommt, ist hier gut aufgehoben.

 

* geschrieben für Livekritik.de

 

I got rhythm. Kunst und Jazz seit 1920″ im Kunstmuseum Stuttgart, 10.10.2015 – 06.03.2016

Die Ausstellung “ I got rhythm. Kunst und Jazz seit 1920“ im Kunstmuseum Stuttgart beweist, dass Jazz nicht nur „Alt-Herren-Musik“ ist. Die Musik, vorwiegend von afro-amerikanischen Musikern gespielt, war und ist Inspiration für eine Vielzahl von Künstlern. Die Verschmelzung der Kunstformen zeigt sich in den Motiven, in der Farbgebung, in der Rhythmik des Bildaufbaus und leider auch in der harschen Kritik an der Kunst, bis hin zur Zensur in den Kriegsjahren. Lotte B. Prechners Werk wurde zu entarteter Kunst erklärt, da sie ein Saxophon abbildete, welches als Negerinstrument verachtet war. Heute nicht mehr zu verstehen. Politik ist ein häufig aufgegriffenes Thema, in der Musik und in der Kunst. Es geht dabei um Rassentrennung, Lynchmorde, die Freiheit der Frauen. Die Politisierung des Jazz ging dabei so weit, dass in den 1940iger Jahren die US-Regierung Jazzbands in Ausland schickte, um so für Demokratie zu werben.

Die Ausstellung auf drei Etagen führt chronologisch durch die Jahrzehnte und Kunstepochen (von 1920 bis in die 2000der Jahre), dabei sind unter anderem auch Werke von Jackson Pollock, Otto Dix, Henri Matisse, Jean-Michel Basquiat und Andy Warhol zu sehen. Letztere haben sich sowohl in eigenen Werken vom Jazz inspirieren lassen, als auch als „Auftragsarbeiten“ indem sie sich mit der der professionellen Gestaltung von Platten-Cover beschäftigten. Es ist interessant zu sehen, dass der Einfluss des Jazz in so vielen Stilrichtungen- expressionistisch, kubistisch, abstrakt- zu erkennen ist.

Selbstverständlich darf bei einer Ausstellung über Jazz eine nicht fehlen. Die fabelhafte Josephine Baker. Sie war mit Ihren Tanz- und Gesangsauftritten nicht nur selbst eine große Künstlerin, sondern auch Motiv und Inspiration für andere. Kurze Filmausschnitte und Fotos bringen einem die exotische Tänzerin mit dem berühmten Bananenröckchen näher.

Aber das absolute Beste an der Ausstellung ist aber die gelungene Kombination von Sehen und Hören. Unbedingt den Audioguide nutzen! Dieser ist einfach in der Handhabung und bietet nicht nur Informationen zu den Werken die man sieht, sondern geht auch auf die Inspirationsquellen ein und bietet einem die Möglichkeit Jazz-Stücke anzuhören. Und letzteres ist wirklich super. Man schlendert durch die Ausstellung und hört dabei passende Musik. Dies hebt eindeutig die Stimmung, man ist völlig umgeben von Jazz! Und man lernt ganz neben bei auch noch etwas über Musikgeschichte. Vom Jazz zum Bebop zum HipHop.

Aufgrund des Audioguides sollte man sich aber auch viel Zeit für die Ausstellung nehmen- mindestens 1 1/2 Stunden sollte man einrechnen. Wer gerne Jazz hört, sogar noch mehr, denn man kann an Extrastationen ganze Alben anhören!

Eine wirklich interessante und gelungene Ausstellung mit einer guten und vielschichtigen Auswahl an Werken.

  • geschrieben für livekritik.de

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„Die Blechtrommel „, nach dem Roman von Günther Grass, Altes Schauspielhaus Stuttgart, 18.09.2015

Am 18.09 lud das Alte Schauspielhaus zur Premiere des Stückes „Die Blechtrommel „, nach dem Roman von Günther Grass ein.

Das Stück erzählt die Geschichte der Familie Matzerath, harmlose Kleinbürger in der Stadt Danzig lebend. Die Hauptfigur Oskar erzählt, von seiner Zelle in einer Nervenheilanstalt aus, die Jahre 1899 bis 1952.

Mit drei Jahren beschließt Oskar Matzerath, ein nach eigenen Aussagen bereits bei der Geburt mit voller geistiger Reife ausgestattetes Kind, nicht mehr zu wachsen. Er hat soeben seine ihm bei der Geburt versprochenen Blechtrommel erhalten und ist sich der Seitensprünge seiner Mutter bewusst geworden. (Freud hätte seine Freude daran).

Die nächsten 17 Jahre bleibt er körperlich, bis auf sein „Gießkännchen“, von dem er reichlich gebraucht macht, auf dem Stand eines Dreijährigen, geistig wächst er aber weiter. Sein Umfeld nimmt ihn über die Jahre weitestgehend weiter als Kind wahr, bis auf die sexuellen Eskapaden, die er erlebt. Oskar aber beobachtet sein Umfeld mit wachen Augen, er ist aber lediglich ein Zuschauer ohne Herz, ohne die Fähigkeit Mitgefühl zu entwickeln oder für sich Stellung zu beziehen. Er erlebt die unglückliche Ehe seiner Eltern, die Seitensprünge seiner Mutter und das Erwachen des National Sozialismus‘, wobei hier seine einzige Sorge ist, wie er immer wieder an Nachschub von neuen Blechtrommeln kommt. Das Schicksal des jüdischen Spielwarenhändlers Sigismund Markus berührt ihn nicht. Oskar Matzerath ist kein liebenswerter Mensch, er ist laut, egoistisch, narzisstisch, nervig, anstrengend. Durch sein Getrommel schafft er Distanz zwischen sich und den Erwachsenen; wenn er etwas nicht machen will, dann macht er es nicht. Nimmt man ihn die Trommel weg, schreit er und bringt so Glas zum Zerbersten. Eine Eigenschaft, die er oft und gerne und auch bewusst einsetzt.

Die Geschichte ist zu komplex, um sie hier kurz zusammenzufassen. Im Laufe der Jahre verändert sich die Familie, die politische Situation, Menschen kommen und gehen, die Zeiten ändern sich, doch Oskar entwickelt dafür kein Gefühl. Nur die direkte, sofortige Triebbefriedigung ist Oskar wichtig. Im Laufe des Stückes ist Oskar für mehrere Tode verantwortlich, überlebt den zweiten Weltkrieg und endet, nach einem Indizienprozess bei dem es um eine ermordete Krankenschwester geht, in der Nervenheilanstalt.

Von dort aus, erzählt er rückblickend seine Geschichte.

Das Stück braucht eigentlich eine FSK-Freigabe. Sex, Sex, Sex, deutlich und schonungslos dargestellt. Genau so drastisch ist die Figur des Oskar Matzerath. Aggressiv gespielt, laut, dem Wahnsinn nahe. Zu Glück wird der glaszerberstende Schrei immer nur angedeutet, das Trommeln ist aber dafür sehr intensiv. Die Rolle ist sicherlich eine Herausforderung für Raphael Grosch Stimmbänder. Ich frage mich, ob er nach der Vorstellung heiser war.

Auch die anderen Figuren des Stückes sind immer am Limit ( laut, hektisch, zum Teil auch einfach anstrengend). Das Ensemble peitsch die Zuschauer durch das Stück. Stellenweise habe ich mir eine kurze Verschnaufpause, ein Crescendo gewünscht.

Das Stück ist voller Symbolik. Sakrales Glas kann Oskar nicht zerbersten, Nazis werden als Marionetten dargestellt, die an einer Stelle durch Oskars Getrommel aus dem Takt und zum Walzertanzen gebracht werden. Der brave Jude, der nur Spielzeug verkaufen möchte, der Zirkuszwerg, der sich selber verkauft , der Vater als Mitläufer der Nazis, der Größenwahn als sich Oskar mit Jesus gleichsetzt. Kein Tabu bleibt unberührt, keine Wunde, die nicht aufgekratzt wird.

Bei diesem Stück kommt die Frage auf, in wie weit Günther Grass seine eigenen NS-Vergangenheit einfließen lässt und verarbeitet.

Die Hauptfigur Oskar Matzerath kommt im Stück irgendwann an einen Punkt, an dem er es für nötig hält zu wachsen, „Erwachsen“ zu werden. Doch im Grunde genommen ist es zu spät dafür. Auch sein „Wachsen“ hilft ihm nicht mit seinem Sohn, der Liebe oder dem Verständnis für die Nachkriegszeit und die einsetzenden „Wirtschaftswunderjahre“. Er kommt zu Geld, dass ihm lieblos, fast schon hasserfüllt vor die Füße geschmissen wird, sein Trommeln als Ausdruck des Protests verkommt zu kommerziellen Trommeln in einer Band. Scheinbar erwachsen findet Oskar doch keinen Platz in der Welt.

Ein Mordfall, wobei unklar bleibt, ob er involviert war oder nicht, bringt ihn zu Fall.

Ironischer- (und genialer-) weise drückt ausgerechnet ein Günther Grass Double Oskar den abgetrennten Finger einer Krankenschwester in die Hand und führt ihn so, jedenfalls sehe ich das so, seiner gerechten Strafe -für die tatsächlichen Todesfälle für die er verantwortlich war- zu. Oskar wird in die Nervenheilanstalt eingewiesen.

Hier ergibt sich für mich ein interessantes Gedankenspiel. Was, wenn die Erzählungen Oskars nicht als Wahnvorstellungen sind und er bereits in jungen Jahren seelisch erkrankt ist? Wäre dies nicht ein interessanter Ausgangspunkt für eine ganz andere Interpretation und Inszenierung der Stückes?

Das Ensemble des Alten Schauspielhauses war sehr gut , wenn auch, wie bereits oben schon beschrieben, stellenweise für mich einfach zu laut und zu hektisch. Gut gefallen hat mir, neben dem Hauptdarsteller Raphael Grosch, der den größten Teil des Stückes auf den Knien gespielt und Mut zur Nacktheit gezeigt hat, Elisabeth Hütter, die auch keine Scheu hatte, die Hüllen fallen zu lassen, aber dazu noch eine sehr warme Ausstrahlung hat und sehr gekonnt als Gretchen Scheffler gekichert und gegurrt hat .

Im ersten Teil des Stückes kam es zu einer kurzen Unruhe im Publikum. Ein Zuschauer war zusammengebrochen, es wurde nach einem Arzt gerufen. Das Ensemble hielt innen und verharrte regungslos auf der Bühne. Als dem Gast geholfen wurde, setzten die Schauspieler das Stück nahtlos fort. Sicherlich keine leichte Situation. Gut gemeistert! ( es ist schon das zweite Mal, dass ich sowas bei einer Aufführung erlebt habe).

Das Bühnenbild enthielt einige nette Ideen, wie die „begehbaren Bilderrahmen“. Etwas weniger Rauch hätte es aber auch getan.

Es ist sicherlich nicht einfach, den „Jahrhundert-Roman“ von Günther Grass in ein gut zweistündiges Stück umzuwandeln, Volkmar Kamm, Martina Kullmann und dem Ensemble ist es mit dieser Inszenierung der Blechtrommel aber durchaus gelungen.

Wer das Stück noch sehen möchte, kann dies bis zum 24.10.2015 tun. Es lohnt sich.

*geschrieben für livekritik.de*

The Classic Sound of Motown, 14.08.2015- Stuttgart Theaterhaus Stuttgart

Das Music Label Motown – eine Wortkreation aus Motor und Town- war von Detroit aus in den 1960 und 1970 Jahren der Dreh- und Angelpunkt für afroamerikanische Künstler. Die Hitfabrik, deren Hauptsitz auch Hitsville U.S.A. genannt wurde, hatte 180 Hits in den Charts, davon allein 26 von der Gruppe Martha Reeves & the Vandellas. Der Gründer des Labels Berry Gordy, der seine Geschäftsphilosophie der Fließbandarbeit der in Detroit ansässigen Autoindustrie entlehnte (aus vielen kleinen, perfekten Teilen wird ein größeres Ganzes und das in hoher Taktzahl) hatte zum Schluss ein Imperium, welches sich über 4 Häuser (in derselben Straße) ausdehnte und bis zu 500 Mitarbeiter beschäftigte. Nach den ersten 10 Jahren hatte Motown bereits mehr Hits, als alle anderen Music Labels in den USA zusammen.

Auch wenn man jüngeren Alters ist, jeder, wirklich jeder kennt mindestens einen Motown Hit.

Die bekanntesten Künstler von Motown sind sicherlich Diana Ross and the Supremes, the Temptations, Gladys Knights and the Pips und natürlich Steve Wonder und die Jackson 5.

Diesen Künstler ist die Show „The Classic Sound of Motown“ gewidmet.

11 Sängerinnen und Sänger und 10 Musiker geben die Evergreens des berühmten Labels zum Besten. Als Moderator durch die Show führte Ron Williams, der als US-Soldat in Stuttgart stationiert war und für den Soldatensender American Forces Network moderierte.

Auch er brachte das Publikum in gute Stimmung und ließ einige Kommentare zur aktuellen Weltsituation mit einfließen. Mehrmals meinte er, in an Anspielung an den Vorfall in Ferguson, dass es heute noch schwer ist, schwarz und am Leben zu sein, aber damals in den 1960iger Jahren war das Denken noch absolut Schwarz oder Weiß. Der Motown Song „Dancing in the Streets“, viele kennen vielleicht die Version von Mick Jagger und David Bowie, wurde bei den großen Rassenunruhen Ende der 1960-Jahre in den USA zu einer politischen Hymne. Das Label Motown war aber auch ein großer Faktor in der Auflösung der Apartheit, denn es brachte Weiße und Farbige durch Musik zusammen.

Die Stimmung war von Anfang an gut, auch wenn das Intro etwas blechern klang. Zwischendrin gab es auch immer wieder Mikroaussetzer, aber das Ensemble sind absolute Profis.

Aufgeteilt in kurze Blöcke wurden Lieder der verschiedenen Motown-Künstler gesungen. Ron Williams „ermahnte“ das Publikum immer wieder aufzustehen und zu tanzen. (bequeme Schuhe anziehen!) Wie kann man auch bei Liedern wie „Heatwave“(Martha & the Vandellas), „Reach out I‘ll be there“ (The Four Tops), „Stop in the Name of Love“ (The Supremes) oder bei „Superstition“ (Stevie Wonder) ruhig auf seinem Stühlchen sitzen bleiben.

Ein bisschen enttäuscht war ich von der Interpretation der Jackson 5, aber insgesamt tritt das Ensemble natürlich in gigantische Fußstapfen von absolut großartigen und individuellen Sängern und Sängerinnen.

Ein fantastischer Gänsehautmoment war „Midnight Train to Georgia“ (Gladys Knight & the Pips) gesungen von Caroline Mhlanga.

Das Ensemble war, ganz wie es sich für die damalige Zeit gehörte, entweder in Anzügen oder in glitzernden Kleidern auf der Bühne. Die Choreographie war natürlich auch den Originalen nachgeahmt. Wenn man sich die Tanzschritte der Four Tops oder der Temptations anschaut, erkennt man ganz klar, wo die vorwiegend weiße Boybands heutzutage abschauen.

Die Band war leider eher leger gekleidet. Ich fände es schöner, wenn auch sie in Anzügen spielen und mehr mitgrooven würden oder auch eine kleine Choreografie hätten. Ein großer Vorwurf an Motown war ja immer, dass viele talentierte Musiker lediglich Begleitband bei etlichen Hits waren, aber nie richtig gewürdigt wurden. Aber das muss bei dieser Show ja nicht so sein.

Der musikalische Leiter Micheal Webb führte seine Truppe, seitlich auf der Bühne sitzend, durch die Show und an ein paar Stellen war ich mir nicht sicher, ob er wirklich zufrieden war. Ich bin natürlich keine Dirigentin, aber für mich sah es ein paar Mal so aus, als wolle er noch mehr Groove, noch mehr Leidenschaft aus der Band herausquetschen.

Die Vorstellung, die ich besuchte, war bereits die 26. im Theaterhaus Stuttgart. Wer die Show, die noch bis Freitag, 15.08. zu sehen ist, und dann nochmals am 21. und 22.08.2015, verpasst, es kommt sicherlich eine 27. Gelegenheit und die kann man dann durchaus wahrnehmen.

Das Music Label Motown – eine Wortkreation aus Motor und Town- war von Detroit aus in den 1960 und 1970 Jahren der Dreh- und Angelpunkt für afroamerikanische Künstler. Die Hitfabrik, deren Hauptsitz auch Hitsville U.S.A. genannt wurde, hatte 180 Hits in den Charts, davon allein 26 von der Gruppe Martha Reeves & the Vandellas. Der Gründer des Labels Berry Gordy, der seine Geschäftsphilosophie der Fließbandarbeit der in Detroit ansässigen Autoindustrie entlehnte (aus vielen kleinen, perfekten Teilen wird ein größeres Ganzes und das in hoher Taktzahl) hatte zum Schluss ein Imperium, welches sich über 4 Häuser (in derselben Straße) ausdehnte und bis zu 500 Mitarbeiter beschäftigte. Nach den ersten 10 Jahren hatte Motown bereits mehr Hits, als alle anderen Music Labels in den USA zusammen.
Auch wenn man jüngeren Alters ist, jeder, wirklich jeder kennt mindestens einen Motown Hit.
Die bekanntesten Künstler von Motown sind sicherlich Diana Ross and the Supremes, the Temptations, Gladys Knights and the Pips und natürlich Steve Wonder und die Jackson 5.
Diesen Künstler ist die Show „The Classic Sound of Motown“ gewidmet.
11 Sängerinnen und Sänger und 10 Musiker geben die Evergreens des berühmten Labels zum Besten. Als Moderator durch die Show führte Ron Williams, der als US-Soldat in Stuttgart stationiert war und für den Soldatensender American Forces Network moderierte.
Auch er brachte das Publikum in gute Stimmung und ließ einige Kommentare zur aktuellen Weltsituation mit einfließen. Mehrmals meinte er, in an Anspielung an den Vorfall in Ferguson, dass es heute noch schwer ist, schwarz und am Leben zu sein, aber damals in den 1960iger Jahren war das Denken noch absolut Schwarz oder Weiß. Der Motown Song „Dancing in the Streets“, viele kennen vielleicht die Version von Mick Jagger und David Bowie, wurde bei den großen Rassenunruhen Ende der 1960-Jahre in den USA zu einer politischen Hymne. Das Label Motown war aber auch ein großer Faktor in der Auflösung der Apartheit, denn es brachte Weiße und Farbige durch Musik zusammen.
Die Stimmung war von Anfang an gut, auch wenn das Intro etwas blechern klang. Zwischendrin gab es auch immer wieder Mikroaussetzer, aber das Ensemble sind absolute Profis.
Aufgeteilt in kurze Blöcke wurden Lieder der verschiedenen Motown-Künstler gesungen. Ron Williams „ermahnte“ das Publikum immer wieder aufzustehen und zu tanzen. (bequeme Schuhe anziehen!) Wie kann man auch bei Liedern wie „Heatwave“(Martha & the Vandellas), „Reach out I‘ll be there“ (The Four Tops), „Stop in the Name of Love“ (The Supremes) oder bei „Superstition“ (Stevie Wonder) ruhig auf seinem Stühlchen sitzen bleiben.
Ein bisschen enttäuscht war ich von der Interpretation der Jackson 5, aber insgesamt tritt das Ensemble natürlich in gigantische Fußstapfen von absolut großartigen und individuellen Sängern und Sängerinnen.
Ein fantastischer Gänsehautmoment war „Midnight Train to Georgia“ (Gladys Knight & the Pips) gesungen von Caroline Mhlanga.
Das Ensemble war, ganz wie es sich für die damalige Zeit gehörte, entweder in Anzügen oder in glitzernden Kleidern auf der Bühne. Die Choreographie war natürlich auch den Originalen nachgeahmt. Wenn man sich die Tanzschritte der Four Tops oder der Temptations anschaut, erkennt man ganz klar, wo die vorwiegend weiße Boybands heutzutage abschauen.

Die Band war leider eher leger gekleidet. Ich fände es schöner, wenn auch sie in Anzügen spielen und mehr mitgrooven würden oder auch eine kleine Choreografie hätten. Ein großer Vorwurf an Motown war ja immer, dass viele talentierte Musiker lediglich Begleitband bei etlichen Hits waren, aber nie richtig gewürdigt wurden. Aber das muss bei dieser Show ja nicht so sein.
Der musikalische Leiter Micheal Webb führte seine Truppe, seitlich auf der Bühne sitzend, durch die Show und an ein paar Stellen war ich mir nicht sicher, ob er wirklich zufrieden war. Ich bin natürlich keine Dirigentin, aber für mich sah es ein paar Mal so aus, als wolle er noch mehr Groove, noch mehr Leidenschaft aus der Band herausquetschen.
Die Vorstellung, die ich besuchte, war bereits die 26. im Theaterhaus Stuttgart. Wer die Show, die noch bis Freitag, 15.08. zu sehen ist, und dann nochmals am 21. und 22.08.2015, verpasst, es kommt sicherlich eine 27. Gelegenheit und die kann man dann durchaus wahrnehmen.

geschrieben für livekritik.de

Loriots Dramatische Werke- Theater der Altstadt – 29.05.2015, Stuttgart

Früher war vielleicht mehr Lametta, dennoch sind Loriots Dramatische Werke immer noch zeitgemäß. Szenen einer Ehe, politische Sprechblasen oder Weihnachten bei Familie Hoppenstedt. Allerdings befürchte ich, dass die kurzen Stücke Vicco von Bülows eher etwas für die älteren Besucher sind. (da diese die Werke Loriots noch kennen).

Die Premieren-Zuschauer hatten aber ganz offensichtlich sehr viel Spaß. Bei vielen der kurzen Sketche wurde schon vor der kommenden Szene voller Vorfreude gekichert und gelacht. Auch ich hatte oft die berühmten Knollenmännchen und natürlich die charmante Evelyn Hamann vor dem inneren Auge. Letzte hat natürlich große Fußspuren hinterlassen, aber Charis Hager lispelt, stottert und stammelt sich gekonnt durch die berühmte Englische Ansage.

Das ganze Ensemble hat mich mit seiner spielerischen Leistung überzeugt. Es wurde mit verschiedenen Dialekten und vollem Körpereinsatz gespielt und dennoch ging nie das Bild des Otto-Normalbürgers, des deutschen Spießers verloren.

Besonders gut gefallen haben mir Ambrogio Vinella und Lou Bertlan, die beide durch Vielseitigkeit überzeugten.

Neben den Vertreterbesuchen bei den Hoppenstedts – „..Es bläst und saugt der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur saugen kann..“ , der Anlieferung des Klaviers von „..Frau Berta Panislowski aus Massachusetts!..“, wurde auch, fantastisch makaber inszeniert,  Loriots „Dein Körper und Du“ aufgeführt. Erstaunlich was man so alles in der Küche hat, das sich für eine Blinddarmoperation eignet.

Mit guten zwei Stunden Spielzeit wurde einem fast zu viel geboten, aber welchen der Sketche sollten man auch weglassen? Schlicht, aber raffiniert war das Bühnenbild, in dem natürlich die von Loriot geliebten Möpse nicht fehlen durften. Ich hatte, trotz der leichten Länge, immer wenigstens ein Lächeln auf den Lippen.

1984- Theaterstück nach dem Roman von George Orwell- 05.02.2015, Altes Schauspielhaus, Stuttgart

Oh my god- wie krass ist das denn? Oder in Neusprech, das war doppelt doppelt plus gut.

Aber fangen wir von vorne an. Der Roman 1984 von Georg Orwell ist vielen sicherlich bekannt. Die Hauptfigur Winston Smith lebt in der Nation Ozeanien, die sich im Krieg befindet und von einer totalitären Regierung, der „Partei“, geführt wird, medial und für die Mitglieder allgegenwärtig vertreten durch „Big Brother,. Big Brother is watching you- Winstons Leben wird von der Partei absolut und ununterbrochen überwacht. Überall gibt es Monitore und Überwachungskameras.

Winston Smith bekommt vorgebetet, indoktriniert, vorgesetzt was er zu sagen, denken und zu fühlen hat. Nämlich nicht viel. Liebe, Familie, Menschlichkeit, Freundschaft alles wurden rationalisiert. So weit, dass sich Winston nicht mal mehr erinnert ob und wann er das letzte Mal geträumt hat. Absolute Gedankenkontrolle. Träume, Gedanken, Gefühle, alles löst sich auf. Es gilt Denkmöglichkeiten einzuschränken. Sogar Wörter sollen reduziert werden- Synonyme sind unnötig. Warum mehrere Wörter für einen Zustand, eine Sache, eine Beschreibung? Auch Gegenteile werden abgeschafft. Wer braucht schlecht, wenn er ungut sagen kann. Steigerungen werden mit dem Grundwort gebildet: plus gut, doppelt plus gut anstatt gut, besser, am besten oder fantastisch, super,…

Man bedenke welche Auswirkungen dies in der realen Welt hätte. Auf Literatur, auf Musik, Theater, Filme, Gespräche? Wie würde sich das auf Wissen, Bildung und Niveau auswirken?

Welch schreckliche Vorstellung!

In Ozeanien gilt „Unwissenheit ist Stärke“ und daher werden auch unliebsame oder sich veränderte Inhalte nachträglich gelöscht, verändert, manipuliert. Richtig oder falsch werden ständig neu justiert. Daher wird Winston während seiner Folter im Ministerium für Liebe (sprachliche Schönmalerei!) auch ständig gefragt, wie viele Finger er sieht und „die Partei“ erklärt ihm, dass 2 mal 2 = 4 sein mag, aber manchmal ist es auch 5 oder 3 oder auch alles auf einmal. Was immer big brother will.

Der Schwerpunkt der Theaterinszenierung ist das Brechen eines Menschen, die absolute Gedankenkontrolle. Folter ist nicht nur jemanden Schmerzen erleiden zu lassen, sondern auch seinen Geist zu zerstören, seine Individualität auszulöschen- ihn auszulöschen.

Doch schafft es die Inszenierung von Ryan Mc Bryde, die drückende Stimmung, die Beklemmung, die Unterdrückung, die schwellende Angst auf die Bühne zu bringen? Ja, definitiv ja.

Es beginnt schon mit dem Bühnenbild. Grau, reduziert, blanke Wände. Doch diese Wände haben es in sich, denn sie sind, von in Polizeikampfmoniteur gekleidete Bühnenhelfer verschiebbare Bühnenelemente. So wird die Bühne wandelfähig. Über allem hängen ständig laufende und flimmernde Monitore.

Schon während das Publikum in Saal Platz nimmt, laufen diese Monitore und auf der Bühne sitzt eine an einen Stuhl gefesselte Person, den Kopf mit einer Haube verhüllt.

Das Publikum hat überhaupt keine Zeit “ es sich gemütlich zu machen, anzukommen“. Kaum hat das Stück begonnen, bellt einen schon von den Monitoren herab eine Art Nachrichtensprecherin an.

Ein paar Minuten später erlebt das Publikum, „die täglichen 2 Minuten Hass“. Fünf Schauspieler stehen am Bühnenrand und schreien das Publikum hasserfüllt an!

 

Das Publikum wird quasi bereits in den ersten Minuten vom Stück „überfahren“. Noch völlig geplättet, fiel daher der Applaus vor der unerwartet früh im Stück gesetzten Pause gering aus. Zu überraschend kam die Unterbrechung. Ich wusste auch nicht, ob es Zeit zum Klatschen war. Es gab auch keinerlei Szenenapplaus während der Vorstellung. Es gab einfach keinen Zeitpunkt, der es zugelassen hätte, kurz den Spannungsbogen zu unterbrechen oder an dem es angemessen gewesen wäre zu applaudieren.

Neben den Monitoren gibt es noch zahlreiche Projektionen und vorgefertigte Filmsequenzen. Winstons innerer Monolog wird auf die reduzierten Bühnenelemente projiziert. Welch fantastischer Effekt. Neben all dem Dunklen und Unterdrückten gibt es aber auch etwas zum Schmunzeln. Mit Hilfe von Vergrößerungsglasscheibe wird ein witziger Effekt hervorgerufen.

Was das Stück aber wirklich sehenswert macht, ist die Härte und die Konsequenz mit der das Stück bis zum Schluss inszeniert ist. Sex, Blut, Gewalt- meist „nur“ über die Monitore flackernd, sind trotzdem allgegenwärtig. Ralf Stech/Winston steht zum Schluss wahrhaftig nackt und schutzlos vor dem Publikum. Wobei es nicht um die provokative zur Schaustellung von Nacktheit geht, sondern um die Schutzlosigkeit, das nackte Überleben. Man sieht auch nicht wirklich viel, denn Ralf Stech weiß es geschickt, sich durch Schutzhaltungen ausreichend bedeckt zu halten. Bekannte Körperhaltungen aus Berichten über Folterungen durch die US Arme bringen das Stück in die Realität.

Winston will sich nicht brechen lassen, will seine Liebe zu Julia, die ihn innerlich befreit hat, nicht verraten, haben sich doch beide versprochen, immer daran festzuhalten. „Wenn sie es schaffen, dass ich Dich nicht mehr Liebe, das wäre der wahre Verrat.“

Andreas Klaue spielt als O’Brian die Rolle des Vernehmers, des Gehirnwäschers gnadenlos (gut).

Für zarte Gemüter oder junge Kinder ist das Stück nichts, aber endlich, endlich hat mal jemand etwas gewagt. Diese Inszenierung könnte so auch auf ganz großen Bühnen, in ganz anderen Städten als Stuttgart spielen.

 

Kommentar:

Ich konnte vor kurzem die Ai Weiwei Ausstellung auf Alcatraz, San Fransisco besuchen. Der Chinesische Künstler bindet seine Ausstellungsstücke in das verlassene Gefängnis mit ein. Einige Zellen sind Künstlern gewidmet, welche in ihrer Heimat gebannt sind. Jeder Raum wird mit Musik oder Gedichten bespielt, dabei überlagern sich die Geräusche, die Lautstärke schwillt an und ab. Der Grundgedanke dabei ist, dass man im Gefängnis nie nur seine eigenen Gedanken hört / nie mit sich alleine ist.

Für mich ist das ein ähnlicher Gedankengang, wie bei Orwell. Nur dass bei Orwell „Big Brother“ ständig in den Kopfen der Menschen steckt und alle eigene Gedanken überlagert. Die Gedanken mischen sich, kein Gedanke ist mehr der eigene. Auch nach 67 Jahren ist es dieses Thema wert, darüber zu sinnieren.

Wer hat Angst vor Virginia Woolf? – Theater der Altstadt, Stuttgart, 01.02.2015

Wer hat Angst vor Virginia Woolf? Diese Frage stellt zurzeit das Theater der Altstadt.

Die Bühne ist nüchtern in gedeckten Tönen gehalten, nüchtern ist in diesem Stück aber keiner der Figuren. Nach reichlich Bourbon fährt das Ehepaar Martha und Georg zu Hochtouren auf und zieht das junge Ehepaar Nick und Honey immer mehr in ihren Ehekrieg mit hinein. Marta und Georg leben ein Spiel aus Hass und Liebe, Erniedrigung und Lebenslügen, ein Spiel, das eigentlich beide nicht (mehr) spielen, aber auch auf keinen Fall verlieren wollen. Keiner der beiden gibt wirklich nach und so übertrumpfen sich von Akt zu Akt auf immer verletzender Weise. Die subtile Lichtführung deutet an, wer am Zug ist. Susanne Heydenreich als Martha und Reinhold Weiser als George schonen sich nicht auf der Bühne. Es wird geschrien, geweint,  Martha wird gewürgt, zu Boden geworfen, bedroht.

Das junge Ehepaar Nick und Honey ist eigentlich nur zu Besuch bei Georg und Martha, um Nicks Position als Neuling an der Universität, dessen Leiter Marthas heiß verehrter Vater ist, zu festigen.

Zwischen Nick und Georg, selber Angestellter der Universität, entwickelt sich ein kleines Nebengefecht, Wissenschaft gegen Literatur, Biologie gegen Worte, jung und erfolgreich gegen alt und desillusioniert. Bei Frauen wurde man es Stutenbissigkeit nennen, bei Männern Schwanzvergleich.

Nach und nach wird das junge Paar zwischen den Streitigkeiten und dem Alkohol aufgerieben und auch ihr Ehegefüge gerät ins Wanken. Als Publikum von George und Martha missbraucht, wird der Besuch zur Tortur. Zum Schluss zieht Georg seine letzte Trumpfkarte, die Reißleine, ob er aber wirklich gewinnt, bleibt hier an dieser Stelle unbeantwortet.

Das Stück ist kein Zuckerschlecken. Susanne Heydenreich und Reinhold Weiser gehen auf in ihren Rollen. Nicht ganz so gut hat mir diesmal die jüngere Garde gefallen. Ich empfand ein kleines Gefälle zwischen den Generationen. Ich weiß, wie wichtig Rhetorik und Sprachgewandtheit ist, sonst hat man das, was einem RTL II jeden Tag als scripted reality auftischt, im Fall von Stefan Müller-Doriat hätte ich mir aber gewünscht, dass er die Rolle von Nick sprachlich etwas weniger „theatralisch“ angelegt hätte. Eine Sprachweise näher am „Normalen“ hätte für mich das Stück noch härter, realer gemacht. Nichtsdestotrotz herrschte noch Sekunden nach dem letzten Akt absolute Stille im Publikum, bevor der Applaus losbrach. Puuh, was für eine Schlacht!

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Puuh, was für eine Schlacht! Psychoterror gepaart mit Verzweiflung. Keine Schonkost!
* geschrieben für livekritik.de